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Exhibition text written for the Hiscox Art Prize 2025, at ICAT, Hamburg


Ein Rehbein, der Huf gleicht in Form und Farbe einer Buchecker. Seine Haut entstellt von den Zähnen des Hundes des Ladenbesitzers, sein Fell feucht von Speichel. Jemand wartet hinter einem Verkaufstisch. Ein beständiges Lächeln verbirgt jegliche Anzeichen von wahrem Ausdruck in seinem Gesicht. Das Gute am Leben innerhalb vorbestimmter Umgangsformen ist, dass die Gefühle und Erwartungen anderer Menschen an ihnen abgleiten. Eine junge Frau weint über ihre verpatzten Lackstiefel. Er nickt. Er ist wortkarg, doch er weiß wie er das richtige Maß an Bedauern zeigt. Wie durch die Facettenaugen einer Fliege zerlegt sich alles in Vielfache. Das kurze Absenken des Kinns, das Beben der Schultern, hundertmal. Er trägt “Knize Ten”, das ich nie gerochen habe und von dem ich trotzdem weiß, wie es riecht. Hinter einem Paravent aus Kleidern liegen Männer auf ihren Bäuchen. Sie sind auf der Jagd nach Nerzen, lauern manchmal tagelang. Jemand flüstert ihnen dabei Geheimnisse zu. Die meisten Pelztiere heute werden in Käfigen gezüchtet, das edle Fell vom Sitzen in der eigenen Pisse gelb. Ein warmes Glimmen im Schein alter Glühlampen. Kreidespuren auf Boden und Wänden markieren das, was werden könnte. Man kann sie lesen wie Notationen, wenn man weiß wie. Unweit eine Gruppe in die Tage gekommener Kirchenbänke. Auf jeder zwei Engel mit Gesichtern so unterschiedlich in Form und Ausdruck, dass sie nicht aus demselben Paar Hände stammen können. Ich stelle mir junge Männer vor, ungezählt, flüsternd nebeneinander sitzend. Sie locken andächtig die kleinen Gesichter aus dem Holz.

English translation:

A deer leg, the shape and colour of its hoof resembling a beech nut. Its skin disfigured by the teeth of the shop owner’s dog, its fur wet with saliva. Someone waits behind a sales counter, a steady smile hides any sign of true expression on his face. The good thing about living within predetermined formalities is that the feelings and expectations of other people glide off them. A young woman cries over her ruined patent leather boots. He nods. While he doesn’t use many words, he knows how to show the right amount of regret. As if seen through the compound eyes of a fly, everything breaks down into multiples. The brief lowering of the chin, the trembling of the shoulders, a hundred times. He wears “Knize Ten,” which I have never smelled but still know what it smells like. Behind a screen of clothes, men lie on their stomachs. They are hunting minks, sometimes lying in day-long wait. Someone whispers secrets to them. Most fur animals today are bred in cages, their noble fur yellowed from sitting in their own piss. A warm glow in the light of incandescent light bulbs. Chalk marks on the floor and walls indicate what could become. It is possible to read them like sheet notation, if you know how. Not far away, a group of worn church pews. On each, two angels with faces so different in shape and expression that they cannot have come from the same pair of hands. I imagine young men, unnumbered, sitting next to each other whispering. They devotedly coax the little faces out of the wood.